Um Hilfe bitten kostet mehr, als die Hilfe wert ist
Shownotes
Die Bitte ist geschrieben, aber du schickst sie nicht ab. Vielleicht fürchtest du nicht das Nein, sondern das Ja – und die unsichtbare Rechnung, die später folgen könnte. Kai spricht über „Nachschuld“, Hilfe als mögliche Einzahlung und den Preis einer Selbstständigkeit, die andere zwar schützt, aber auch auf Abstand hält.
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00:00:00: Du hast drei Sätze geschrieben.
00:00:02: So eine ganz simple Bitte überhaupt nicht komplex, schwierig oder dramatisch.
00:00:06: Ob jemand morgen vielleicht ne Stunde Zeit hat?
00:00:09: Ob er kurz anpacken kann.
00:00:11: Der Daumen hängt schon über senden und hinter dem letzten Wort blinkt der Cursor.
00:00:17: Und ja dann liest du die Nachricht nochmal.
00:00:23: Dann löscht du den letzten Satz.
00:00:27: Der erste klingt jetzt vielleicht plötzlich ein bisschen zu fordern, also formulierst du ihn um.
00:00:32: Du machst ihn ein bisschen weniger fordern hat, ein bisschen freundlicher fast ein bisschen entschuldigend und dann ja dann löscht er auch den und am Ende steht da nur noch hey alles gut bei dir long time no see!
00:00:44: Und das schickst du dann ab.
00:00:45: und was du eigentlich brauchst das bleibt dann irgendwie bei dir und geht nicht raus.
00:00:51: Vielleicht hältst du das für stolz oder für die Angst dass der andere Nein sagen könnte.
00:00:55: Ich glaube, inzwischen bei manchen von uns ist das Nein gar nicht das Problem.
00:01:00: Das Ja ist das Problem!
00:01:08: Ein Nein wäre unangenehm klar.
00:01:10: Logisch ne?
00:01:11: Du bist immer doof.
00:01:11: du hättest dich kurz gezeigt der andere hätte keine Zeit und danach müsstest du eben weiter gucken und vielleicht jemand andern finden.
00:01:19: aber nein ist wenigstens abgeschlossen.
00:01:22: zu Ende da bleibt nichts offen.
00:01:23: der Faden ist zu Gespräch beendet.
00:01:25: alles cool ein ja kann viel länger dauern.
00:01:31: Und damit meine ich nicht die Hilfe selbst, die eine Stunde beim Schleppen von der Waschmaschine das abholen vielleicht das Gespräch die paar Euro was auch immer du gerade brauchst.
00:01:41: Ich mein dass was manchmal Wochen oder Monate später kommt in einem Satz der mit der Sache eigentlich gar nichts mehr zu tun hat so hey weißt du noch als du Hilfe gebraucht hast da war ja auch dann.
00:01:55: und auf einmal merkst du warte mal Das war keine Hilfe.
00:02:01: Das war irgendwie eine Einzahlung auf ein Konto, von dem du nicht mal wusstest dass es das gibt.
00:02:08: und der Preis, der stand da auch noch nicht dran.
00:02:13: Ich nenne das Nachschuld.
00:02:17: Das ist nicht Dankbarkeit, dankbarkeit ist warm die kann bleiben ohne dass sie dich kleiner macht.
00:02:22: nach schuld ist dieses Gefühl durch angenommen Hilfe nachträglich ein Stück von deinem Recht verloren hast, nein zu sagen.
00:02:31: Du darfst dich eben nicht mehr so gut abgrenzen du darfst weniger kritisch sein und du musst beim nächsten Mal verfügbar sein selbst wenn du eigentlich nicht kannst denn irgendwo liegt ja noch diese alte Rechnung rum.
00:02:45: Und wenn du das ein paar mal erlebt hast dann passiert was vielleicht oberflächlich betrachtet erstmal vernünftig ist.
00:02:53: Du fängst an den Preis zu antizipieren vorweg zu nehmen.
00:02:57: Du rechnest schon beim schreibenden Nachricht mit dem späteren Satz, der da kommt und nicht bewusst dafür geht das viel zu schnell sondern du siehst halt diesen blinkenden Cursor und hast plötzlich das Gefühl die Bitte sei irgendwie unangemessen.
00:03:09: und dabei ist ihr aber gar nicht unangene.
00:03:10: messen.
00:03:11: dein Kopf kalkuliert bloß mehr als die eine Stunde Hilfe ein.
00:03:16: er kalkulieren eben die mögliche nachschuld mit dazu.
00:03:21: deshalb machst es dann halt lieber selbst.
00:03:25: Du schleppst die Waschmaschine allein in den dritten Stock.
00:03:28: Ja vielleicht nicht, aber du fährst auf jeden Fall krank noch irgendwo hin obwohl jemand dich abholen könnte und du sitzt nachts länger an der Sache.
00:03:36: für deinen Kollege am nächsten Morgen zehn Minuten gebraucht hätte.
00:03:40: Und wenn jemand fragt ob er helfen kann kommt die Antwort meistens schon bevor du überhaupt geprüft hast ob sie stimmt?
00:03:47: Nee lass mal erst gut kriechen!
00:03:51: Meistens kriegst du das sogar hin und das ist das Gemeinde da dran.
00:03:53: Weißt Du, von außen sieht diese Strategie echt gut aus?
00:03:57: Du bist selbstständig belastbar unkompliziert einer von den Menschen bei denen niemand hinterheräumen muss.
00:04:06: Du kommst halt klar mit allem nur sagt ich komme alleine klar noch nichts darüber ob du wirklich stark bist.
00:04:14: es kann genauso gut heißen Ich habe früh gelernt dass Hilfe mich teuer zu stehen kommt Und vielleicht waren die Kosten ganz offen bekannt.
00:04:25: Dir wurde bei den Hausaufgaben geholfen und im nächsten Streit kam zurück, was alles für dich getan wird.
00:04:30: Vielleicht war es aber auch feiner und versteckter.
00:04:33: Jemand hat dir etwas gegeben und war danach ein paar Tage gekränkt weil du nicht automatisch wusstest, was nun von dir erwartet wurde oder Hilfe kam mit diesem kleinen Umbau der Geschichte.
00:04:46: dieser sagt ohne mich Hättest du das aber nicht geschafft?
00:04:51: Irgendwann entwickelst Du dafür ein ziemlich gutes Radar.
00:04:57: Du hörst eben nicht nur einen Angebot, du hörst schon die möglichen Bedingungen mit wenn selbst noch gar keine genannt wurden.
00:05:04: offensichtlich und das schützt Dich!
00:05:08: Wirklich.
00:05:09: wer nichts annimmt kann damit später nicht erpresst werden.
00:05:12: Logisch, oder wer keine offenen Posten hat muss sich nicht fragen wann die völlig werden und wer alle selber trägt behält die Kontrolle über seine Bilanz.
00:05:21: Nur bleibt das nicht bei dieser Bilanz denn dann passiert was dass viel größer ist als ein anstrengender Umzug oder eine Nacht zu wenig Schlaf.
00:05:31: du fängst an Menschen danach zu sortieren wieviel sie von dir brauchen dürfen Aber du zeigst ihnen kaum noch wie viel Du von ihnen brauchst und sie kennen deine Kraft, deine Verlässlichkeit, deine gut sortierte Seite.
00:05:47: Sie dürfen dir erzählen was bei ihnen schief läuft, du hörst zu, du hilfst, du bist da... aber wenn es bei Dir eng wird dann wirst du leise.
00:05:58: Das mag rücksichtsvoll wirken!
00:06:02: Aber das schafft eine total merkwürdige Beziehung.
00:06:06: Der andere darf sich anlehnen, du nicht.
00:06:09: Er darf wichtig für dich sein, solange du seine Wichtigkeit nicht praktisch werden lässt.
00:06:14: Und unangenehm?
00:06:16: Vielleicht hältst du Menschen damit nicht nur von deiner Belastung fern, vielleicht hältst Du sie sogar von dir fern auf Abstand!
00:06:24: Nee, entsteht ja nicht allein dadurch dass zwei Leute viel voneinander wissen.
00:06:28: Sie entsteht auch in diesen kleinen Schieflagen Einer kann gerade mehr tragen als der andere einer kocht weil er andere kaum aus dem Bett kommt eben nachts los, was zu erledigen oder jemanden abzuholen.
00:06:41: Einer hört zum dritten Mal dieselbe Geschichte obwohl es dafür keine sofortige Gegenleistung gibt.
00:06:46: nicht weil Beziehungen kostenlos sind sondern weil eben nicht jeder einzelne Bewegung sofort ausgeglichen werden muss.
00:06:55: Wenn ich nach jeder Hilfe innerlich schon nach dem Portemonnaiesuche kann nichts davon passieren Dann bedanke ich mich zu groß, revanchiere mich zu schnell oder lehnt's halt direkt ab.
00:07:06: Hauptsache das Konto ist wieder auf Null, ist sicher.
00:07:11: Null ist aber auch keine Beziehung.
00:07:13: Das heißt nicht dass du jetzt jedem Vertrauen und angebotene Hilfe annehmen sollst.
00:07:18: Manche Menschen führen tatsächlich Buch.
00:07:21: Manchen nennen das Großzügigkeit und meinen damit einen versteckten Vertrag dessen klein gedrucktes Musik kennen.
00:07:30: Wenn du bei denen vorsichtig geworden bist, ist das definitiv keine Macke die du wegtherapieren musst sondern dass es einfach Erfahrung.
00:07:39: Die entscheidende Frage ist bloß ob dein Radar noch unterscheidet?
00:07:44: Ja merkst du bei wem du nach einem Jahr wirklich dieses Konto aufgehen spürst und merkst auch beim nicht denn wenn jede Hilfe sich gleich gefährlich anfühlt Bezahlen irgendwann auch eben die falschen Leute für das, was andere dir beigebracht haben.
00:08:05: Menschen, die dir gerne etwas abnehmen würden ohne dich danach zu besitzen, die nicht wollen dass du kleiner wirst, die vielleicht sogar verletzt sind weil du ihnen seit Jahren vermitteltst.
00:08:14: ey ich mag dich finde dich total cool ich vertraue dir aber hey brauchen werde es dich nicht okay?
00:08:19: Das klingt erstmal irgendwie so fast nach einem Kompliment ist es aber nicht?
00:08:24: versetzt sich mal auf der anderen Seite jemand der den nahesteht hat ein Problem.
00:08:27: du könntest helfen Nicht aus Pflicht, nicht für einen späteren Gefallen.
00:08:31: Sondern du willst helfen!
00:08:33: Du willst einfach da sein und dieser Mensch sagt wie immer... Ja pfff, alles gut Griechen?
00:08:39: Was bleibt dir denn
00:08:40: eigentlich?!
00:08:41: Ja geil, du darfst zugucken, darfst deine Unabhängigkeit respektieren, du darf sich in der Beziehung nützlich machen solange es um nette Abende und leichte Dinge geht.
00:08:50: aber an die Stelle an der du wirklich was tragen könntest lässt dich dieser Mensch nicht.
00:08:59: Wer nie um Hilfe bittet, erspart anderen also nicht nur Arbeit.
00:09:02: Er nimmt ihnen auch eine massive Form von Nähe und das war für mich die eigentliche Verschiebung bei diesem Gedanken.
00:09:12: Ich dachte zuerst geht es um den Preis den ich für Hilfe bezahle Um Abhängigkeit schlechtes Gewissen eben diese unsichtbare Rechnung dieses Konto.
00:09:21: Aber irgendwann geht's auch um den preis den alle Beteiligten Für meine Schuldenfreiheit bezahlen Dafür aber auch ehrlich gesagt ein Stück weit unerreichbar.
00:09:36: Und ja, am Ende ist vielleicht Selbstständigkeit deshalb gar nicht die Fähigkeit nichts zu brauchen und es wäre auch ein ziemlich trostloses Ideal, ehrlich gesagt.
00:09:46: Vielleicht ist Erwachsene-Selbstständigkeit etwas Schwierigeres nämlich unterscheiden zu können zwischen Hilfe, die mich verbindet und Hilfe, Bei der einen darf ich vorsichtig sein, bei den anderen muss ich was aushalten dass sich für mich womöglich genauso riskant anfühlt.
00:10:06: Dass jemand etwas für mich tut und ich das nicht sofort bezahle.
00:10:11: Dass die Beziehung für einen Moment schief steht.
00:10:14: Das Dankbarkeit reicht!
00:10:16: Und dass ich mein Nein für später trotzdem behalten darf.
00:10:20: Vielleicht kann ich es nicht gleich mit der großen Bitte ausprobieren... Muss ich auch nicht.
00:10:26: Es reicht fürs Erste diesen einen Reflex zu bemerken, jemand bietet etwas an und bevor ne alles gut aus meinem Mund fällt lass sich das mal zwei Sekunden sacken.
00:10:39: Lass dir mal ein bisschen Raum!
00:10:41: Nicht um automatisch ja zu sagen nur um herauszufinden wer antworteten da gerade?
00:10:46: Meine tatsächliche Einschätzung dieses Menschen oder eine alte Rechnung die jemand ganz anders geschrieben hat im Zweifel so.
00:10:57: Und dann sitze ich wieder vor dieser Nachricht.
00:10:58: Drei Sätze, einfache Bitte!
00:11:00: Der Cursor blinkt und die Frage ist jetzt nicht mehr ob ich das alleine hinkriege?
00:11:05: Wahrscheinlich krieg' ich das hin mit ziemlicher Sicherheit.
00:11:07: Ich habe eine Menge Übungen da drin.
00:11:09: Die Frage isst Ob es in meinem Leben jemanden gibt bei dem nachdem Jahr keine Rechnung aufgeht.
00:11:18: und falls mir jemand einfällt ja dann lasse ich die drei Sätze diesmal vielleicht stehen und schickte sie dann wahrscheinlich auch ab.
00:11:27: Wem würdest du schreiben?
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